Was ist eigentlich ein Spurrillenwechsel®

von Dr. Eva Kinast — Kategorie: Coach-Ausbildung Persönlichkeitsentwicklung
Grafik mit mehreren Spurrillen in einer Landschaft, einer abzweigenden Spur und der Frage „Was ist eigentlich ein Spurrillenwechsel®?“ | DR. EVA KINAST® - Kaderschmiede für Führungskräfte & Coaches

Was ist eigentlich ein Spurrillenwechsel? Manche Verhaltensweisen begleiten uns über viele Jahre. Wir reagieren in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich, geraten in vergleichbare Konflikte oder treffen Entscheidungen, die wir später kaum noch nachvollziehen können. Obwohl wir längst erkannt haben, dass uns ein bestimmtes Verhalten nicht guttut, gelingt es uns häufig nicht, dauerhaft etwas zu verändern. Wir nehmen uns beispielsweise vor, in der nächsten Besprechung klarer Position zu beziehen, Grenzen früher wahrzunehmen und auszusprechen, Verantwortung abzugeben, Konflikte nicht länger zu vermeiden, uns weniger vom Urteil anderer abhängig zu machen oder Entscheidungen nicht immer wieder hinauszuschieben.

Und doch stellen wir irgendwann fest: Wir befinden uns erneut in derselben Situation. Wir sind wieder in unsere vertraute Spurrille geraten.

Spurrillen geben Sicherheit

Das Bild der Spurrille beschreibt tief verankerte Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster. Sie sind im Laufe unseres Lebens entstanden und haben häufig eine wichtige Funktion erfüllt. Vielleicht haben wir früh gelernt, besonders leistungsbereit zu sein, um Anerkennung zu erhalten. Vielleicht war es hilfreich, Konflikte zu vermeiden, sich anzupassen oder Verantwortung für andere zu übernehmen. Möglicherweise mussten wir stark sein, vernünftig bleiben oder unsere eigenen Bedürfnisse zurückstellen.

Solche Strategien entstehen nicht ohne Grund. Sie helfen uns, mit bestimmten Lebenssituationen umzugehen. Je häufiger wir sie nutzen, desto vertrauter werden sie. Irgendwann laufen sie weitgehend automatisch ab. Wie die Räder eines Fahrzeugs folgen unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen dann den bereits vorhandenen Vertiefungen. Das vermittelt Sicherheit. Gleichzeitig schränkt es unsere Handlungsmöglichkeiten ein.

Warum gute Vorsätze oft nicht ausreichen

Viele Menschen versuchen, ihre Spurrillen allein durch Einsicht und Selbstdisziplin zu verlassen. Sie wissen genau, was sie künftig anders machen möchten. Dennoch reicht dieses Wissen häufig nicht aus. Denn unser Verhalten wird nicht ausschließlich von bewussten Entscheidungen gesteuert.

In uns wirken unterschiedliche Kräfte. Eine Kraft möchte beispielsweise endlich Nein sagen. Eine andere fürchtet, dadurch jemanden zu enttäuschen. Eine Kraft möchte Verantwortung abgeben. Eine andere ist überzeugt, dass nur sie selbst für ein gutes Ergebnis sorgen kann. Eine Kraft sehnt sich nach einer beruflichen Neuorientierung. Eine andere hält am Vertrauten fest, weil es Sicherheit verspricht.

Solange diese inneren Kräfte nicht erkannt und verstanden werden, bleibt Veränderung oft an der Oberfläche. Wir versuchen dann, uns anders zu verhalten, ohne zu begreifen, weshalb das bisherige Verhalten für uns so wichtig geworden ist.

Ein Spurrillenwechsel ist mehr als eine Verhaltensänderung

Ein Spurrillenwechsel bedeutet nicht, eine alte Verhaltensweise einfach abzulegen und durch eine neue zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, die innere Logik des eigenen Handelns zu verstehen:

  • Welche Kräfte bestimmen mein Verhalten?
  • Welche Erfahrungen haben meine bisherigen Muster geprägt?
  • Wovor schützen sie mich?
  • Welche Bedürfnisse stehen dahinter?
  • Welche Befürchtungen tauchen auf, wenn ich etwas anders machen möchte?
  • Welche neuen Handlungsmöglichkeiten stehen mir heute zur Verfügung?

Erst wenn wir diese Zusammenhänge erkennen, können wir bewusst entscheiden, ob unsere bisherigen Muster in einer aktuellen Situation noch angemessen sind.

Der Spurrillenwechsel beginnt deshalb nicht mit der Forderung: „Ich muss mich endlich ändern.“

Er beginnt mit der Frage: „Wozu verhalte ich mich so – und welche Bedeutung hat dieses Verhalten für mich?“

Die alte Spurrille muss nicht verschwinden

Ein nachhaltiger Spurrillenwechsel bedeutet nicht, dass wir unsere bisherigen Fähigkeiten verlieren. Wer gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen, soll nicht verantwortungslos werden. Wer sich gut auf andere einstellen kann, muss nicht rücksichtslos handeln. Wer hohe Qualitätsansprüche besitzt, muss nicht plötzlich gleichgültig werden. Die entscheidende Veränderung besteht darin, nicht mehr automatisch reagieren zu müssen. Wir gewinnen die Freiheit, situationsgerecht zu entscheiden:

  • Wann ist es sinnvoll, Verantwortung zu übernehmen – und wann sollte ich sie abgeben?
  • Wann ist Anpassung hilfreich – und wann muss ich meine eigene Position vertreten?
  • Wann unterstützt mich mein Leistungsanspruch – und wann treibt er mich über meine Grenzen?
  • Wann ist es klug, einen Konflikt zu vermeiden – und wann ist eine offene Auseinandersetzung notwendig?

Die vertraute Spurrille bleibt damit Teil unseres Repertoires. Sie ist jedoch nicht länger der einzige Weg, der uns zur Verfügung steht.

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Neue Wege entstehen durch Erfahrung

Ein neuer Weg wird nicht allein dadurch stabil, dass wir ihn gedanklich verstanden haben. Wir müssen ihn erleben und wiederholt erproben. Das kann bedeuten, in einer Besprechung erstmals eine abweichende Meinung auszusprechen. Eine Aufgabe zu delegieren, obwohl wir uns dabei zunächst unwohl fühlen. Ein Bedürfnis klar zu benennen. Eine Entscheidung zu treffen, ohne sie vollständig absichern zu können. Oder einen Konflikt anzusprechen, den wir bisher vermieden haben.

Solche Erfahrungen verändern unsere inneren Überzeugungen. Wir erleben beispielsweise:

  • Ich kann Nein sagen, ohne die Beziehung zu verlieren.
  • Ich darf Unterstützung annehmen.
  • Ein Konflikt muss nicht zwangsläufig eskalieren.
  • Ich bin auch dann wertvoll, wenn ich nicht alles perfekt mache.
  • Ich kann Verantwortung abgeben, ohne die Kontrolle über mein Leben zu verlieren.
  • Ich darf einen eigenen Weg wählen, auch wenn andere ihn nicht sofort verstehen.

Mit jeder neuen Erfahrung wird die alternative Spur deutlicher. Was sich zunächst ungewohnt und unsicher anfühlt, kann allmählich zu einer echten Handlungsmöglichkeit werden.

Spurrillenwechsel in Führung und Coaching

Gerade für Führungskräfte ist die Fähigkeit zum Spurrillenwechsel von großer Bedeutung. Führungssituationen sind komplex. Was bei einer Mitarbeiterin hilfreich ist, kann bei einem anderen Mitarbeiter wirkungslos bleiben. Was in einer stabilen Phase funktioniert, kann in einer Veränderungs- oder Krisensituation unpassend sein. Wer ausschließlich auf vertraute Muster zurückgreift, reagiert möglicherweise immer wieder auf dieselbe Weise: kontrollierend, harmonisierend, distanziert, antreibend oder übermäßig fürsorglich.

Professionelle Führung setzt voraus, das eigene Verhalten reflektieren und erweitern zu können.

Auch im Coaching geht es nicht darum, Menschen schnelle Ratschläge zu geben. Coaches unterstützen ihre Klient:innen dabei, die eigenen Spurrillen zu erkennen, ihre Entstehung zu verstehen und neue Wege zu entwickeln, die zur jeweiligen Person und Situation passen.

Dafür benötigen Coaches mehr als einzelne Methoden. Sie brauchen eine fundierte Ausbildung, eine reflektierte innere Haltung und die Bereitschaft, sich mit den eigenen Mustern auseinanderzusetzen.

Spurrillenwechsel beginnt bei uns selbst

Wer andere Menschen in Entwicklungsprozessen begleiten möchte, sollte die Erfahrung eines eigenen Spurrillenwechsels gemacht haben. Denn erst durch die persönliche Auseinandersetzung wird verständlich, wie stark vertraute Muster wirken können. Wir erfahren, dass Veränderung nicht durch Druck entsteht, sondern durch Bewusstheit, Verständnis und neue Erfahrungen.

Genau hier setzt die Business Coach-Ausbildung Spurrillenwechsel® erlernen an.

Die Teilnehmer:innen erwerben nicht nur fundierte Coachingkompetenzen. Sie setzen sich zugleich intensiv mit den eigenen Denk-, Gefühls- und Verhaltensmustern auseinander. Sie lernen, innere Kräfte zu erkennen, Konflikte differenziert zu verstehen und Menschen dabei zu unterstützen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Ein Spurrillenwechsel bedeutet dabei nicht, ein anderer Mensch zu werden. Er bedeutet, sich selbst besser zu verstehen – und dadurch freier entscheiden zu können. Denn persönliche Entwicklung beginnt dort, wo wir unsere vertrauten Wege erkennen und entdecken, dass es mehr als nur eine mögliche Spur gibt.

→ Lesen Sie auch: Warum erleben wir manche Konflikte immer wieder?

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